Berufliche Bildung

10.03.2009

Zentrum für Ausbildungsmanagement Bayern (zab)

Zweijährige Ausbildungsberufe: Enormer Bedarf

Zweijährige Ausbildungsberufe wie der Maschinen- und Anlagenführer oder der neu entwickelte Industrieelektriker bieten Schülern, die mit den Inhalten einer dreieinhalbjährigen Ausbildung überfordert wären, eine berufliche Perspektive. Doch Vorurteile gegen diese Ausbildungsform werden weiter geschürt, zum Leidwesen von Schülern, Lehrern, Verbänden und Betrieben.

(Berlin). Der Anruf kam für den Schulleiter der Martin-Luther-King-Hauptschule in Köln-Weiden überraschend. Am anderen Ende der Leitung meldete sich der Geschäftsführer eines kleinen Metallunternehmens aus der Nachbarschaft, bei dem gerade ein Schüler der Klasse 9 ein Praktikum absolvierte. Im ersten Moment befürchtete Heinz Klein eine unangenehme Rückmeldung, denn der betreffende Schüler zählte zu den Sorgenkindern seiner Klasse. Doch was er dann zu hören bekam, überraschte und erfreute ihn gleichermaßen. Das Unternehmen war von den praktischen Fähigkeiten und dem Einsatz des Jungen derart begeistert, dass man ihm direkt einen Ausbildungsplatz anbieten wollte. Allerdings waren sich beide Seiten schnell im Klaren, dass eine Facharbeiterausbildung mit hohem Theorieanteil für den Jungen nichts wäre. Die Alternative: eine zweijährige, praxisorientierte Ausbildung.

"Anhand unserer Praktikumserfahrungen können wir belegen", so Schulleiter Klein, "dass es immer wieder Schüler gibt, deren schulische Leistungen schlecht sind, die aber bei praktischen Tätigkeiten tolle Leistungen erbringen - die müssen wir entsprechend fördern." Gerade für diese jungen Menschen sollte es viel mehr verkürzte, praxisorientierte Berufsausbildungen geben, fordert der gelernte Nachrichtentechnik-Ingenieur. "Das wäre für sie eine echte Chance, was die berufliche Karriere angeht."

In der Metall- und Elektro-Industrie hat man das längst erkannt und die zweijährige Ausbildung 2004 - gegen den Widerstand der IG Metall - mit dem Beruf des Maschinen- und Anlagenführers reformiert. "Damit haben wir einen breit angelegten, modernen und attraktiven Ausbildungsberuf", so Sven-Uwe Räß, Referent für Berufsbildung beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall in Berlin, "der auch vermeintlich schwächeren Schülern einen Einstieg ermöglicht, die dann je nach Leistung in den Betrieben vielfältig eingesetzt werden können."

So beispielsweise im Motorenwerk der Daimler AG in Berlin-Marienfelde. Hier macht man seit Jahren beste Erfahrungen mit dem Beruf des Maschinen- und Anlagenführers. So mancher Jugendliche, der in einem dreieinhalbjährigen M+E-Ausbildungsberuf, wie etwa Industriemechaniker, keine Chance gehabt hätte, entpuppte sich plötzlich als Spätzünder und wuchs über alle Erwartungen hinaus, berichten die Verantwortlichen. Aber auch Jugendliche, die sich normal entwickeln, zeigten sich in der verkürzten Ausbildung hoch motiviert. Vor diesem Hintergrund ist der Gewerkschafts-Vorwurf der Schmalspurausbildung überzogen. Bei Daimler beispielsweise richtet sich die Bezahlung nach dem Einsatz und der Tätigkeit und nicht nach der Berufsausbildung.

Bei der Struktur in der Produktion führt das dazu, dass für einige Tätigkeiten sowohl Industriemechaniker als auch Maschinen- und Anlagenführer eingesetzt werden. Darüber hinaus gibt es nach bestandener Abschlussprüfung für die Maschinen- und Anlagenführer je nach Eignung und Bedarf die Möglichkeit, mit einer aufbauenden Ausbildung einen drei- oder dreieinhalbjährigen Beruf, wie etwa Industriemechaniker, zu erlernen.

Inzwischen verzeichnet die Branche bei den Maschinen- und Anlagenführern mehr als 6.100 eingetragene Ausbildungsverhältnisse, davon mehr als 3.300 Neuverträge allein in 2008. Nach der Neuordnung der Ausbildungen im oberen Fachkräfteniveau vor wenigen Jahren besteht in der M+E-Industrie "weiterhin Bedarf an kompakten Qualifikationsprofilen mit einer Ausbildungsdauer von zwei Jahren", so Räß. Die steigende Zahl der Ausbildungsverhältnisse beim Maschinen- und Anlagenführer, die weiterhin gute Akzeptanz des Teilezurichters und verschiedene Vorschläge neuer Berufsprofile aus den Unternehmen unterstreichen diesen Bedarf. Dies sei auch unter demografischen Aspekten wichtig, um in Zukunft Bewerbern, "die die hohen Anforderungen der dreieinhalbjährigen Berufe noch nicht erfüllen, Einstiegsmöglichkeiten in die Berufsausbildung und damit ins Beschäftigungssystem zu bieten", folgert Gesamtmetall.

Deshalb haben das Bundeswirtschaftsministerium und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall in enger Abstimmung das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) in Bonn sowie das Forschungsinstitut betriebliche Bildung (f-bb) in Nürnberg mit Untersuchungen beauftragt. Hauptfragestellung ist dabei, in welchen Tätigkeitsbereichen welche neuen Berufsprofile bedarfsgerecht und notwendig sind. Außerdem soll geprüft werden, ob die Ausbildungszeiten auf die Ausbildung der dreieinhalbjährigen industriellen Metall-Berufe angerechnet werden kann - denn die zweijährigen Ausbildungen sind keine Sackgasse, sondern ermöglichen den Betroffenen bei entsprechender Leistung eine weiterführende Facharbeiterausbildung. Inzwischen liegen erste Untersuchungsergebnisse vor. Nach deren Auswertung sollen dann im Rahmen eines formellen Neuordnungsverfahrens die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die Unternehmen voraussichtlich ab 2011 in neuen Berufen ausbilden können.

Eine vergleichbare Entwicklung gibt es im Bereich der Elektro-Berufe. Hier hat das Bundeswirtschaftsministerium bereits im April 2008 das Neuordnungsverfahren für den neuen zweijährigen Ausbildungsberuf des Industrieelektrikers eingeleitet. Vorausgegangen waren auch hier Untersuchungen des BiBB und des f-bb. Bereits ab dem 1. August 2009 kann hier mit der Ausbildung begonnen werden.

Allerdings gegen den Widerstand der IG Metall. Auf ihrem Bildungsportal im Internet kritisiert die Gewerkschaft: "Der zweijährige Mini-Beruf Industrieelektriker/in wird weiter durchgepeitscht, ohne Rücksicht auf Verluste. Die IG Metall hat sich an der Entwicklung des Berufs nicht beteiligt..."

Bei den meisten Hauptschulen in Deutschland dürften solche Äußerungen auf völliges Unverständnis stoßen. Viele Lehrer schätzen gerade für bestimmte lernschwache Schüler die zweijährigen Berufsausbildungen. Für Sabine Heck, Berufswahlkoordinatorin der Augustinus-Hauptschule in St. Augustin, sind die zweijährigen Berufsausbildungen "die beste Neuerung seit Jahren, mit der bestimmte Schüler überhaupt erst einen Beruf erlernen können." Die Hauptschullehrerin bespricht auch im Unterricht die Ausbildungsgänge und registriert "ein großes Interesse bei vielen Schülern". Für sie und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen war es denn auch "höchste Eisenbahn", das diese Ausbildungsform, "die vielen nutzt", eingeführt wurde: "Wir würden es begrüßen, wenn es noch viel mehr gäbe."

Quelle: Gesamtmetall-Artikeldienst März 2009

 

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Rudolf Fulde
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